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Man hat es schon unzählige Male gehört: “Nobody wants to work anymore (“Niemand will mehr arbeiten”). Der Satz taucht überall auf, in lockeren Gesprächen, in Schlagzeilen und in Social-Media-Posts.
Der Punkt ist nur: Das ist keine neue Beschwerde. Die Aussage ist (viel, vieeel) älter, als man annehmen könnte.
Bevors losgeht, kurz zu mir: Ich schreibe dies als Student. Ich muss nicht Vollzeit arbeiten, da meine Eltern mich finanziell unterstützen. Das ist ein Privileg, keine Selbstverständlichkeit . Ich versuche nicht, für jeden jungen Menschen zu sprechen. Ich hinterfrage ein Narrativ, das ständig recycelt wird, während sich der Deal rund um Arbeit weiter verschiebt.
Außerdem mische ich in diesem Post Länder und Beispiele. Manche Links sind aus Österreich, manche aus Deutschland, manche aus den USA. Das Muster dahinter bleibt, aber die konkreten Zahlen und Institutionen unterscheiden sich je nach Land.
Ein Blick auf die Zusammenstellung unten reicht. Und sonst hat “Snopes” einen ausführlichen Fact-Check zur Herkunft der Formulierung “nobody wants to work anymore”. Dort wird gezeigt, dass genau dieser Satz mindestens seit 1894 kursiert. Seit über 130 Jahren wird jüngeren Generationen nachgesagt, sie seien faul, verwöhnt oder nicht bereit, sich anzustrengen.
Und trotzdem arbeiten Generation für Generation Menschen weiter.

Es geht also nicht wirklich um Arbeitsmoral. Wenn jemand sagt “nobody wants to work anymore”, dann meint man oft: Niemand will mehr so arbeiten, wie man früher arbeiten musste.
In Härte steckt oft Stolz und manchmal steckt auch ein bisschen Groll drin, wenn jüngere Leute Regeln brechen, die früher als unverhandelbar gegolten haben. Dazu kommt, dass man sich ungern eingesteht, dass sich die wirtschaftliche und soziale Realität verändert hat. Wohnpreise beispielsweise sind laut Statistik Austria astronomisch höher oder Jobsicherheit ist in vielen Branchen fragiler geworden, wie es ein Research Review zu Job Security und Insecurity diskutiert. Ebenso hat es sich verändet, dass Arbeitnehmer über Löhne und Arbeitsbedinungen mitbestimmen können. Eine Diskussion über langfristige Effekte von Arbeitsbewegungen, wie in diesem Worping Paper von Culling dargestellt..
Es ist einfacher, all das als Faulheit zu framen, als sich einzugestehen, dass das System, das viele erben, oft angespannt, teuer und respektlos ist. Umfragen unter Menschen, die tatsächlich gekündigt haben, zeigen meistens nicht “plötzliche Faulheit”, sondern niedrige Bezahlung, keine Entwicklung und fehlenden Respekt, so wie es das Pew Research Center zu Kündigungsgründen 2021 zusammenfasst.
In Gastronomie, Handel oder generell im Service ist der Frust echt. Viele Betriebe sind einfach unterbesetzt. Wartezeiten für den Kunden werden länger. Arbeiter gehen und kommen nicht zurück.
Man trifft auch Menschen, die unzuverlässig sind, komplett abgemeldet oder einfach durch. Das passiert.
Ein großer Teil der Debatte ist Sichtbarkeit. Viele junge Erwachsene verbringen länger in Ausbildung. Viele arbeiten Teilzeit neben dem Studium, verschwinden dann aber während Prüfungen, Praktika oder Abschlussphasen. Wenn man gerade versucht, eine Schicht zu besetzen, schaut das schnell so aus wie: “niemand kommt”.
Demografie spielt auch rein. Wenn eine Gesellschaft älter wird, entstehen Engpässe auch dann, wenn sich an der Einstellung niemand ändert. Ja, der Eindruck hat also eine Basis. Die Frage ist, was ihn am besten erklärt.
COVID hat diese Spannungen nicht erfunden, aber es hat sie aufgerissen. Was viele Medien als “Great Resignation” genannt haben, wirkte oft weniger wie ein Trotzanfall und mehr wie eine Neubewertung, so wie es die Financial Times beschrieben hat.
Plötzlich war Zeit da, um sich zu fragen, ob man wirklich zurück in Jobs will, die auslaugen, schlecht bezahlt sind und einen kaum über die Rechnungen bringen. Eine Pew-Umfrage unter Beschäftigten, die 2021 gekündigt haben listet ziemlich unspektakuläre Gründe: niedrige Bezahlung, keine Aufstiegschancen und das Gefühl, nicht respektiert zu werden.
Dann kommt Inflation dazu. Brookings diskutiert, ob Löhne mit Inflation mitgehalten haben. Wenn ein Job keine Stabilität sichert und gleichzeitig Gesundheit und Wochenenden frisst, ist es nicht geheimnisvoll, warum man ihn meidet.
Nicht die Arbeit an sich ist das Problem. Das Problem ist, dass viele Leute nicht bereit sind, Gesundheit, Würde und Zukunft zu opfern, nur um irgendwie über Wasser zu bleiben.
Das ist eine verführerische Geschichte, weil sie die Welt simpel macht. Sie ignoriert aber nur, was tatsächlich passiert.
Zum Beispiel gibt es Berichte, die nahelegen, dass die Beschäftigung in jüngeren Altersgruppen in den letzten Jahren wieder gestiegen ist, teilweise auch weil Studierende neben der Ausbildung arbeiten. National Geographic Deutschland schreibt darüber, wie viel Gen Z im Vergleich zu früheren Jahren arbeitet und verweist auf deutsche Arbeitsmarktdaten.
Das heißt nicht, dass jeder junge Mensch 60 Stunden pro Woche hackelt. Es heißt nur, dass das Narrativ “dia hond einfach koan Bock” ein billiger Shortcut ist.
Viele lehnen nicht Arbeit ab, sondern Bullshit-Jobs. Damit meine ich Jobs mit niedrigem Lohn, hohem Stress, null Upside und null Respekt.
Mentale Gesundheit ist ein weiterer Faktor, über den man leicht spotten kann und den man schwer ignorieren kann. Menschen wollen weiterhin arbeiten, sie wollen nur mehr Kontrolle über ihre Zeit, was der Kern der Argumentation in Harvard Business Review zu Kontrolle über Zeit ist. Gen Z und Millennials reden offener über mentale Gesundheit, und sie sind eher bereit, sich krank zu melden oder rauszunehmen, wenn etwas nicht passt, wie es Verywell Health zu Gen Z und Krankenständen beschreibt.
Das ist nicht nur ein Vibes-Argument. Die American Psychological Association berichtet, dass Gen Z Erwachsene hohe Stresswerte und mentale Symptome zeigen, im Vergleich zu anderen Altersgruppen.
Wenn Jobs Menschen krank, taub oder hoffnungslos machen, sollte die Frage vielleicht nicht sein “Warum wollen sie nicht arbeiten?”. Vielleicht sollte die Frage sein “Warum gilt das noch als normal?”.
Wenn Menschen “bessere Arbeit” wollen, meinen sie meistens langweilige Basics: angemessene Bezahlung, planbare Dienstpläne, faire Behandlung und Aufgaben, die sich nicht jeden Tag wie Seelenzerquetschen anfühlen.
Das ist keine Anspruchshaltung. Das ist eine Belegschaft, die auf Anreize reagiert.
Umfragen zeigen oft, dass Flexibilität einer von mehreren Gründen ist, warum Menschen Jobs verlassen oder bestimmte Jobs meiden, siehe wieder Pew Research Center zu Kündigungsgründen. In deutschsprachigen Debatten tauchen ähnliche Themen rund um flexibles Arbeiten und faire Bezahlung auf, etwa im Der Standard Artikel zu Erwartungen der Gen Z. Es gibt auch Organisationen und Arbeitgeberplattformen, die beschreiben, was jüngere Beschäftigte wirklich motiviert, wie in Great Place To Work Austria zu Gen Z und Anstrengung, und Gewerkschaften, die das als notwendige Anpassung für Arbeitgeber framen, wie im ÖGB Kommentar zu Bedürfnissen der Gen Z.
Generationsstereotype sind generell eine Falle. Eine nützliche Diskussion dazu liefert der WSI-Text “Jung, faul, wehleidig? Hat die Gen Z den Generationenvertrag gekündigt?”. Der Punkt ist nicht, dass eine Altersgruppe super ist und eine andere schlecht. Der Punkt ist, dass Commitment, Motivation und Erwartungen extrem von Bedingungen, Lebensphasen und Kultur abhängen.
Nicht jeder Job kann remote sein. Nicht jeder Arbeitsplatz kann volle Flexibilität bieten. Manche Arbeit ist körperlich hart, das ist einfach so. Das macht die Frage schärfer, nicht weicher: Warum sind die Jobs, die vor Ort sein müssen, so oft die mit dem schlechtesten Lohn und dem geringsten Respekt?
Menschen wollen arbeiten. Sie wollen nur nicht wie Wegwerf-Teile in einer Maschine behandelt werden. Vielleicht ist das Problem nicht, dass niemand mehr arbeiten will. Vielleicht will nur niemand mehr arbeiten, als wäre es noch 1980, nur mit höherer Miete und besserem Kaffee.
Es lohnt sich auch, einen Teil der Spannung als Fairness-Debatte zu sehen. Viele ältere Beschäftigte haben starre Jobs, toxische Chefs und null Raum zum Jammern durchgehalten. In Österreich haben Reformen, die man mit Leuten wie Bruno Kreisky verbindet, Teile dieser Landschaft verschoben. Wenn eine jüngere Person heute zu demselben Elend “Nein danke” sagt, kann das einen hart treffen. Es kann sich anfühlen, als würde jemand den Kampf überspringen, den man selbst ertragen musste.
Aber ist das nicht der Sinn von Fortschritt?
Wenn die nächste Generation bessere Bedingungen fordert, ist das kein moralischer Verfall. Es ist ein Signal, dass der alte Deal aufgehört hat, Sinn zu machen. Es ist auch eine Chance, ihn neu zu bauen, statt Erschöpfung zur Tradition zu erklären.
Und ja, manchmal trifft die Kritik auch Leute wie mich. Ich bekomme Unterstützung. Ich habe Optionen. Genau deshalb kaufe ich das “alle sind einfach nur faul” nicht. Das Problem sind nicht junge Menschen. Das Problem ist, dass zu viele Jobs so gebaut sind, dass sie nur funktionieren, wenn jemand anders das Überleben still subventioniert, ob das Eltern sind, ein Partner oder die eigene Zukunft.
Apropos Pensionen: Viele junge Leute haben nicht das Gefühl, dass sie fix eine bekommen und diese Unsicherheit beeinflusst, wie man Arbeit und Leben gegeneinander abwägt, wie es “VersicherungsFinanz” zu Erwartungen und Ängsten junger Menschen bei Pensionen diskutiert. Öffentliche Debatten über Frühpension in Deutschland zeigen auch, wie verbreitet der Wunsch ist, früher auszusteigen und wie schnell die Diskussion moralisch wird, wie es MDR zu Frühpension und politischen Debatten beschreibt.
Wenn die Ziellinie verschwommen wirkt, ist es nicht überraschend, dass Menschen anfangen, den Sinn des Rennens zu hinterfragen.