Es ist halt nur Spielen

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“Es ist halt nur Spielen.” So in etwa die landläufige Vorstellung davon, was im Kindergarten den ganzen Tag passiert. Keine “echte” Arbeit, jedenfalls nicht so wie ein Bürojob oder ein Handwerk echte Arbeit ist. Glorifiziertes Babysitten mit ein bisschen Basteln dabei. Angenehm wenn man Kinder mag, easy wenn nicht, dementsprechend bezahlt. Aber verbring mal selber ein paar Monate drinnen, dann fällt das Bild ziemlich schnell zusammen.

Ich hab meinen Zivildienst in einem Kindergarten gemacht. Bin reingegangen und hab mir gedacht, das wird ein eher entspanntes Jahr. Bin mit ziemlich anderen Ansichten rausgekommen, was die Arbeit eigentlich bedeutet, was sie bezahlt wird und warum beides so aussieht wie es aussieht. Was unten kommt, ist zum Teil die institutionelle Realität und zum Teil das, was ich nur vor Ort lernen konnte.


Die Arbeit selbst

Beginnen wir beim Gehalt, weil das der sichtbarste Bruch ist. In Österreich verdienen Kindergartenpädagoginnen oft weniger pro Stunde als Reinigungskräfte. Der Durchschnittslohn liegt bei rund 14,97 € pro Stunde, knapp über der Armutsgrenze. Auch keine neue Entwicklung: schon 2015 berichteten Kindergärtnerinnen in der Steiermark von massivem Personalmangel und niedrigen Löhnen als Hauptgrund, warum Kolleginnen aus dem Beruf aussteigen.

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Via Gehalt für Kindergärtner in Österreich - Finanz.at

Und das sind nur die bezahlten Stunden. Eine ÖGB-Studie hat festgestellt, dass Dokumentation, Planung und Vorbereitung regelmäßig in Abende und Wochenenden überschwappen, weil sich das im eigentlichen Arbeitstag schlicht nicht ausgeht. Allein in Wien gab es zuletzt über 700 unbesetzte Stellen, was heißt: alle, die noch im System sind, müssen die Lücke auffangen. Burnout, Krankenstände bei denen man trotzdem hingeht weil sich krank melden anfühlt wie die Kolleginnen im Stich lassen, das übliche Muster jedes unterbesetzten Care-Berufs.

Dann der Teil der Arbeit, der nicht auf dem Lohnzettel steht. Viele Kinder bringen Themen von zuhause mit: Scheidung, Vernachlässigung, inkonsistente Erziehung, emotionale Bedürfnisse, mit denen niemand zuhause umgehen kann. Kindergärtnerinnen sind oft die ersten Erwachsenen, denen auffällt, dass bei einem Kind etwas nicht passt, und sollen das dann sensibel an Eltern kommunizieren, die das nicht immer hören wollen. Obendrauf kommen die Helikoptereltern. Nein Karen, dass dein Kind ständig andere schubst, ist kein “Ausdruck seiner Individualität”, das ist einfach Chaos. Diplomatisch mit solchen Leuten umzugehen ist selber emotionale Arbeit, und bezahlt wird dafür niemand.

Ich erinnere mich noch an meine eigene Kindergartenzeit. Damals waren Vormittage die Norm und Nachmittagsbetreuung ein seltener Luxus. In meinem Kindergarten gab es genau eine einzige Nachmittagsgruppe. Heute haben Kinder Anspruch auf bis zu 50 Stunden Betreuung pro Woche, und viele Familien brauchen dieses Fenster auch tatsächlich aus. Was früher Vormittage waren, ist heute Ganztagsbetreuung, während die Löhne in zwanzig Jahren kaum nachgezogen haben. Das System kommt nicht hinterher, viele Eltern reißen sich nach wie vor um vernünftige Nachmittagsplätze.

Während meines Zivildienstes ist mir etwas hängengeblieben: manche Kinder waren so viele Stunden im Kindergarten, dass ich sie öfter gesehen hab als eines ihrer Elternteile. Lass das mal kurz sacken. Eine Kindergärtnerin kann die erwachsene Person sein, mit der ein Kind die meisten Wachstunden seines Tages verbringt. In solchen Fällen ist der Kindergarten nicht mehr nur Familienergänzung, er wird zum Familienersatz. Das verlangt Zeit, Feingefühl und enorm viel professionelles Können vom Personal, weit jenseits von “einfach nur spielen”.

Würde so etwas in dieser Größenordnung in irgendeiner anderen Branche passieren, wäre die Belegschaft binnen einer Woche auf der Straße. Stell dir vor, Fabrikarbeiter würden hören: “Gratulation, ab heute Doppelschichten. Lohn bleibt wo er ist.” Da wären die Metaller schneller draußen, als du Streik sagen kannst.


Warum nimmt das niemand ernst?

Ein Grund liegt auf der Hand: Geschlecht. Kinderbetreuung ist überwiegend weiblich, Frauen machen rund 92% der Belegschaft aus. Das ist kein statistischer Zufall. Care-Berufe, die von Frauen dominiert werden, sind historisch unterbewertet, unterbezahlt und politisch ignoriert. Die Kindergartenpädagogik fügt sich nahtlos in dieses Muster ein. Wären 90% der Kindergärtnerinnen Männer, würden wir das Ganze wahrscheinlich längst “Frühkindliche Entwicklungsmanager” oder so einen Bullshit nennen und wie Junior-Consultants bei McKinsey bezahlen.

Die österreichische Politik behandelt Kindergartenpädagogik nach wie vor eher als Babysitten denn als Lehrberuf, obwohl die formalen Qualifikationen das Gegenteil sagen. Kinder wählen nicht, die Belegschaft ist keine entscheidende Wählergruppe, und “wir müssen ernsthaft die Kindergarten-Budgets erhöhen” gewinnt genau null Wahlen. Also bleibt das System vernachlässigt und die Leute, die drinnen arbeiten, tragen die Kosten.

Diese Pädagoginnen “schauen nicht einfach den Kindern beim Spielen zu”. Sie sind professionelle Betreuerinnen, ausgebildete Pädagoginnen, Psychologinnen, die emotionale Schwierigkeiten erkennen und auffangen, geübte Vermittlerinnen in täglichen Konflikten, Krankenschwestern bei Schrammen und blauen Flecken und Krisenmanagerinnen wenn tatsächlich was schiefläuft. Das Skillset ist breit, die emotionale Belastbarkeit, die das verlangt, nicht zu unterschätzen. Trotzdem bleibt die Expertise unterschätzt, unterfinanziert und nicht wahrgenommen, weil die Grundannahme bleibt: “Frauenarbeit” zählt nicht als richtige Arbeit.

Es ist nicht so, dass niemand wüsste, wie schlecht die Bedingungen sind. Die Zahlen sind öffentlich, die Studien existieren, die Gewerkschaften publizieren alle zwei Jahre Berichte. Der Grund warum sich nichts ändert: der politische Anreiz, daran etwas zu ändern, ist praktisch null.

Wenn die Betreuung und Bildung von Kindern als Nebensache behandelt wird, ist die Botschaft klar. Kinder, und die Leute die sie aufziehen, sind nicht die Priorität.


“Aber zumindest dürfen sie spielen!”

Tja, dazu was.

Spielen ist nicht trivial. Es ist der Grundbaustein sozialer, emotionaler und kognitiver Entwicklung, das Substrat auf dem Empathie, Kooperation, Sprache und einfaches Problemlösen aufbauen. Diesen Prozess effektiv zu begleiten verlangt spezialisierte Ausbildung, psychologische Kompetenz, Geduld und kontinuierliche Aufmerksamkeit. Nichts davon kommt umsonst, und nichts davon entsteht, wenn man einfach mit Kindern improvisiert.

In Österreich werden Kindergartenpädagoginnen an spezialisierten Schulen ausgebildet, den Bildungsanstalten für Elementarpädagogik (BAfEP). Fünf Jahre Ausbildung, abgeschlossen mit Matura. Studienberechtigung wie an jeder anderen österreichischen Schule mit Matura. Theorie plus intensive Praktika. Einem Kind helfen die emotionalen Folgen einer elterlichen Scheidung zu verarbeiten, Anzeichen von Vernachlässigung oder Missbrauch früh genug erkennen um handeln zu können, Entwicklungsverzögerungen aufspüren bevor sie sich verfestigen, vierzehn Tage hintereinander den gleichen Streit zwischen den gleichen zwei Kindern schlichten ohne die Geduld zu verlieren. Das ist die Arbeit.

Das Ganze “Spielen” zu nennen ist keine Beschreibung. Das ist eine Rechtfertigung dafür, nicht ordentlich zu bezahlen.


Was tatsächlich helfen würde

Einige Bundesländer kommen langsam in Bewegung. Die Steiermark und Oberösterreich haben Löhne leicht erhöht und Gruppengrößen reduziert, das ist immerhin etwas. Aber bei nüchterner Betrachtung lange nicht genug.

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Respektlose Schein-Lösungen werden nichts ändern, Quelle

Politiker reden zur Wahlkampfzeit gerne von Kindergärtnerinnen als den stillen Heldinnen des Systems. Applaus ist gratis, immer. Was tatsächlich etwas bewegen würde, ist unglamourös und teuer: deutlich höhere Löhne, kleinere Gruppen, bezahlte Vorbereitungs- und Erholungszeit und die Profession formal als das pädagogische Feld zu behandeln, das sie ohnehin schon ist. Nichts davon ist ein Geheimnis. Es passiert nur einfach nicht.

Kindergärtnerinnen sind keine Babysitter. Die Rolle bündelt, was in jedem anderen Kontext auf eine Pädagogin, eine Therapeutin, eine Krankenschwester, eine Vermittlerin und ein Vorbild aufgeteilt wäre. Jeden Tag fangen sie das Chaos auf, lösen die emotionalen Knoten, vermitteln die Konflikte und prägen die nächste Generation, und der Großteil davon bleibt unbemerkt und unbezahlt. Sie verdienen mehr als Armutslöhne, chronische Unterbesetzung und die anhaltende öffentliche Herablassung.

Die Rechnung ist nicht kompliziert. Wir sagen Kinder seien die Zukunft, und bezahlen die Leute die sie aufziehen schlechter als die Leute die das Gebäude putzen. Dieser Widerspruch ist die ganze Geschichte.

Wenn wir so weitermachen, mit dieser Gleichgültigkeit und Vernachlässigung, sollten wir uns nicht wundern wenn am Ende niemand mehr da ist, der sich um unsere Kinder kümmert. Vielleicht ändert sich erst dann, mit einer echten Betreuungskrise vor der Tür, der Diskurs endlich weg von “einfach nur spielen” hin zu dem, was die Arbeit tatsächlich ist: essentielle, qualifizierte, fundamentale Bildung, die unsere gemeinsame Zukunft formt. (Bis dahin: erzähl dir ruhig weiter, dass Paw Patrol dein Kind großzieht.)